Netto vom Brutto in Deutschland: Wie viel von Deinem Gehalt übrig bleibt
Verständlich erklärt: Wie aus dem Bruttogehalt das Nettogehalt wird — Lohnsteuer, Solidaritätszuschlag, Kirchensteuer und die vier Sozialversicherungen.
7 Min. LesezeitAktualisiert am 15. Juni 2026
Wenn Du gerade einen deutschen Arbeitsvertrag unterschrieben hast — oder ein Angebot abwägst —, ist die fettgedruckte Zahl ganz oben nicht die, auf die es ankommt. Das ist Dein Bruttogehalt. Auf Deinem Konto landet das Netto, und der Abstand zwischen beiden ist größer, als die meisten beim ersten Blick auf eine deutsche Gehaltsabrechnung erwarten.
Die gute Nachricht: Dieser Abstand ist nicht willkürlich. Er ist die Summe weniger, klar definierter Abzüge — einer Steuer, eines (selten fälligen) Zuschlags, einer optionalen Kirchensteuer und vier Sozialversicherungen. Sobald Du sie benennen kannst, ist Deine Abrechnung keine Wand aus Abkürzungen mehr, sondern etwas, das Du vorhersagen kannst. Dieser Ratgeber geht jeden Posten durch — verständlich erklärt, mit zwei durchgerechneten Beispielen, die Du direkt im Rechner öffnen kannst.
Die fünf Dinge, die von Deinem Brutto abgehen
Jeder Euro, der zwischen Brutto und Netto verschwindet, gehört in einen von fünf Töpfen:
- Lohnsteuer — die mit Abstand größte Position für die meisten.
- Solidaritätszuschlag („Soli") — 5,5% auf Deine Lohnsteuer, aber erst oberhalb einer hohen Grenze, sodass die meisten Arbeitnehmer heute 0 € zahlen.
- Kirchensteuer — nur, wenn Du Mitglied einer steuererhebenden Kirche bist. 8% Deiner Lohnsteuer in Bayern und Baden-Württemberg, 9% in allen anderen Ländern.
- Die vier Sozialversicherungen — Rente, Arbeitslosigkeit, Kranken und Pflege. Du und Dein Arbeitgeber zahlt jeweils etwa die Hälfte.
Mehr ist es nicht. Alles auf Deiner Abrechnung lässt sich auf diese fünf zurückführen. Gehen wir sie der Reihe nach durch.
Lohnsteuer
Die deutsche Einkommensteuer ist progressiv: Der erste Teil Deines Einkommens bleibt steuerfrei, und jeder Euro danach wird mit einem steigenden Satz besteuert. Der steuerfreie Teil — der Grundfreibetrag — liegt 2026 bei 12.348 €. Darunter zahlst Du gar keine Lohnsteuer.
Darüber steigt der Satz entlang einer Formel (der Einkommensteuertarif, §32a EStG), nicht in festen Stufen. Grob: Der Grenzsteuersatz beginnt knapp über dem Grundfreibetrag bei 14%, steigt durch den mittleren Bereich, erreicht 42% bei 69.879 € zu versteuerndem Einkommen und schließlich den Spitzensatz von 45% („Reichensteuer") bei 277.826 €.
Deine Steuerklasse (I–VI) ändert diese Sätze nicht — sie bestimmt, wie viel Steuer Dein Arbeitgeber monatlich einbehält, je nach Familienstand. Ein Single ohne Kinder ist Klasse I; beide Beispiele unten nutzen sie.
Solidaritätszuschlag: der Zuschlag, den die meisten nicht mehr zahlen
Der Soli beträgt 5,5% Deiner Lohnsteuer — gilt aber seit der Reform 2021 erst, wenn Deine jährliche Lohnsteuer eine Freigrenze von 20.350 € (für Alleinstehende) überschreitet. Darunter sind es exakt 0 €; knapp darüber wird er gleitend eingeführt, nicht auf einen Schlag.
In der Praxis macht das den Soli zu einer Abgabe nur für Gutverdiener. Wie Du gleich siehst, löst selbst ein Bruttogehalt von 90.000 € ihn nicht aus — die Lohnsteuer darauf liegt knapp unter der Grenze. Du brauchst in der Regel ein zu versteuerndes Einkommen, das mehr als 20.350 € Lohnsteuer erzeugt (sehr grob ab 92.000 € Brutto in Klasse I), bevor überhaupt ein Euro Soli anfällt.
Die vier Sozialversicherungen
Sie finanzieren das soziale Netz. Jede hat einen gesetzlichen Gesamtsatz, der je zur Hälfte auf Dich und Deinen Arbeitgeber entfällt — die Prozentsätze unten sind die Arbeitnehmer-Hälfte, also das, was von Deiner Abrechnung abgeht:
- Rentenversicherung (Rente): 9,30% — die Hälfte von 18,6%.
- Arbeitslosenversicherung (Arbeitslosigkeit): 1,30% — die Hälfte von 2,6%.
- Krankenversicherung (Kranken): 7,30% Basis — die Hälfte des gesetzlichen Satzes von 14,6% — plus Deinen Anteil am Zusatzbeitrag Deiner Kasse. Der Zusatzbeitrag liegt 2026 im Schnitt bei rund 2,9%, von jeder Krankenkasse individuell festgelegt, und Du zahlst die Hälfte (≈1,45%) — der typische Arbeitnehmer-Satz für die KV liegt damit bei etwa 8,75%.
- Pflegeversicherung (Pflege): 2,40% für Kinderlose. Eltern zahlen weniger (ein Abschlag pro Kind); Sachsen verschiebt etwas mehr auf den Arbeitnehmer. Der Kinderlosenzuschlag beträgt pauschal +0,6%.
Die Grenze für Gutverdiener: die Beitragsbemessungsgrenze
Sozialbeiträge steigen nicht endlos. Jede Versicherung hat eine Beitragsbemessungsgrenze — ein Gehaltsniveau, oberhalb dessen keine weiteren Beiträge erhoben werden. Für Kranken und Pflege liegt sie 2026 bei 69.750 €, für Rente und Arbeitslosigkeit höher, bei 101.400 €.
Deshalb fühlt sich ein höheres Gehalt am Rand weniger stark belastet an: Oberhalb von 69.750 € steigen Deine Kranken- und Pflegebeiträge gar nicht mehr, während die Lohnsteuer weiter klettert. Das Gutverdiener-Beispiel unten zeigt genau diesen Effekt.
Rechenbeispiel 1: 60.000 €, Single, Berlin
Hier ein Single in Klasse I mit 60.000 € Brutto, in Berlin, ohne Kirchensteuer, ohne Kinder, gesetzlich versichert. Das sind die Zahlen des Rechners selbst — dieselben, die der netleft-Rechner ausgibt.
| Posten | pro Jahr | pro Monat |
|---|---|---|
| Brutto | 60.000 € | 5.000 € |
| Lohnsteuer | -9.389 € | -782 € |
| Solidaritätszuschlag | 0 € | 0 € |
| Kirchensteuer | 0 € | 0 € |
| Rentenversicherung (9,30%) | -5.580 € | -465 € |
| Arbeitslosenversicherung (1,30%) | -780 € | -65 € |
| Krankenversicherung (8,75%) | -5.250 € | -438 € |
| Pflegeversicherung (2,40%) | -1.440 € | -120 € |
| Netto | 37.561 € | 3.130 € |
Das ist eine Nettoquote von 62,6%: Von je 100 € Brutto kommen rund 63 € auf Deinem Konto an. Beachte: Die Soli-Zeile ist 0 € — und die Lohnsteuer (9.389 €) liegt weit unter der Grenze von 20.350 €, das bliebe also auch bei deutlich höherem Gehalt so.
Rechenbeispiel 2: 90.000 €, Single, Berlin — die Grenze in Aktion
Jetzt dasselbe Profil mit 90.000 € Brutto. Achte auf die beiden gedeckelten Versicherungen.
| Posten | pro Jahr | pro Monat |
|---|---|---|
| Brutto | 90.000 € | 7.500 € |
| Lohnsteuer | -19.438 € | -1.620 € |
| Solidaritätszuschlag | 0 € | 0 € |
| Kirchensteuer | 0 € | 0 € |
| Rentenversicherung (9,30%) | -8.370 € | -698 € |
| Arbeitslosenversicherung (1,30%) | -1.170 € | -98 € |
| Krankenversicherung (auf 69.750 € gedeckelt) | -6.103 € | -509 € |
| Pflegeversicherung (auf 69.750 € gedeckelt) | -1.674 € | -140 € |
| Netto | 53.245 € | 4.437 € |
Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Der Soli ist weiterhin 0 € — selbst bei 90.000 € erreicht die Lohnsteuer eines Singles die Freigrenze nicht. Zweitens: Kranken und Pflege werden auf 69.750 € berechnet, nicht auf 90.000 € — diese beiden Beiträge sind gegenüber dem 60.000 €-Fall kaum gestiegen, weil sie an der Beitragsbemessungsgrenze gedeckelt sind. Ergebnis: eine Nettoquote von 59,2% — nur rund 3,4 Punkte unter dem 60.000 €-Verdiener, obwohl 50% mehr verdient wird. Das ist die Grenze bei der Arbeit.
Was Deine Zahl verändert
Die Beispiele oben sind der einfachste Fall (Single, keine Kinder, keine Kirche). Dein eigenes Netto bewegt sich mit:
- Steuerklasse — III für einen verheirateten Alleinverdiener behält weit weniger ein; V mehr. (Steuerklassen betreffen den monatlichen Lohnsteuerabzug, nicht Deine endgültige Jahressteuer.)
- Kirchensteuer — eingetragene Kirchenmitglieder zahlen 8%–9% ihrer Lohnsteuer zusätzlich.
- Kinder — senken Deinen Pflegeversicherungssatz und können Freibeträge erhöhen.
- Bundesland — relevant nur für die Kirchensteuer (8% in Bayern/Baden-Württemberg, 9% sonst) und eine kleine Sachsen-Besonderheit bei der Pflege.
- Private Krankenversicherung — ersetzt die gesetzlichen KV/PV-Zeilen durch Deine eigene Prämie.
Am schnellsten siehst Du Deine echte Zahl, indem Du Dein eigenes Brutto einträgst und die Eingaben anpasst.
netleft macht genau diese Rechnung verständlich — auf Englisch, mit den deutschen Begriffen im Original, damit Du sie Deiner echten Abrechnung zuordnen kannst. Trag Dein Brutto ein, stell Deine Situation ein, und sieh zu, wie sich jeder dieser fünf Abzüge in Echtzeit aktualisiert.